Allerhand Marxkritiker - Karl Korsch

Die Internationale; eine Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus

On several bourgeois critics of Marx. Source: Die Internationale; eine Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus, 1922, pp. 165–70, 198–203, 225–28.

I. Vorfeldgefechte.

Wie die Sonne ihr Licht über Gerechte und Ungerechte leuchten läßt und wie der Vater Tod die Guten und die Böſen unterschiedslos heimsucht, so waltet auch der dialektische Widerspruch ausnahmslos durch alle Vorgänge des geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens, durch die größten und erhabensten und durch die albernsten und lächerlichsten. Auch durch die Geschichte der Marxkritik.1 Die erste und oberflächlichste Erscheinungsform, in der wir dem Widerspruch innerhalb dieses großen, spärlich mit Unkraut durchsetzten Ödlandes des Geistes zunächst begegnen, besteht darin, daß heute, da Krieg und Novemberumsturz die „Geister“ einmal etwas kräftiger durchschüttelt haben, plötzlich die erſtaunliche Tatsache offenbar wird, daß im Großen und Ganzen genommen die „bürgerlichen“ Gelehrten aller Fakultäten, die in den 55 Jahren ſeit dem Erſcheinen des Kapitals den Marxismus mit allen Mitteln des Totſchweigens, der Lüge, der Verleumdung und der Betriebsſtatiſtik zu „überwinden“ und zu „vernichten“ verſucht haben, dieſe ganze löbliche Tätigkeit in usum delphini, des goldenen Kalbes tatſächlich mit dem allerſchlechteſten Gewiſſen verrichtet haben und im Grunde ihres Herzens während dieſer ganzen Zeit immerzu „im Banne des Marxismus“ geſtanden haben. Untereinander konnten ſie ſich infolgedeſſen auch nur mit ſehr geringem Erfolg von der Widerſinnigkeit und Laſterhaftigkeit der Marxiſtiſchen Irrlehren überzeugen. Aber einen ganz anderen, und wahrhaft überraſchenden Erfolg verlieh ihnen die gnädige Gottheit der Wiſſenſchaft, die mit den übrigen Gottheiten der bürgerlichen Geſellſchaft die Charakterähnlichkeit zu haben ſcheint, daß auch ſie immer am liebſten mit den „ſtärkſten Bataillonen“ marſchierte. Welchen ungeahnten Erfolg dieſe gnädige und ihren Schützlingen ſaſt ungebeten im Schlafe Wohltaten erweiſende Göttin der bürgerlichen Zunft der Marxvernichter heimlich in den Schoß geworfen hat, dafür möge als ein Beiſpiel unter vielen nur ein einziger Satz dienen, den wir der von dem famoſen Dr. Striemer herausgegebenen „Betriebsrätezeitſchrift“ des ADGB., die wir ſonſt nicht gern anfaſſen, eigens zu dieſem Zweck entnehmen. Er findet ſich in der Rezenſion über das Buch eines neueren bürgerlichen „Marxüberwinders“, in der dritten Nummer des Jahres 1922, S. 47, und lautet wörtlich wie folgt:

Quote:
Ohne der Hochachtung und Verehrung des genialen Meiſters und Künſtlers Marx und ſeiner Bedeutung Abbruch zu tun, ſteht die wiſſenſchaftliche Nationalökonomie der Marxſchen Theorie faſt ausnahmslos ablehnend gegenüber mit durch ſchlagen der Begründung.

Der Autor dieſes eigentlich viel mehr in einen früheren Jahrgang des „Wahren Jakob“ gehörigen Satzes unterzeichnet ſeinen Erguß mit „aſtr.“ (A. Striemer ?), was vielleicht andeuten ſoll, daß der Verfaſſer mit dem Sternenhimmel beſſer vertraut iſt als mit der dornenvollen irdiſchen Wirklichkeit der Wiſſenſchaft, ſoweit ſie nicht durch den feuilletoniſtiſchen Schwung des Herrn Sombart einigermaßen verklärt wird, deſſen bekannte und ſchon von Roſa Luxemburg gebührend gewürdigte „Marx-überwindung“ offenbar die ſpeziellere Quelle für aſtr. gebildet hat. Wir raten aber Herrn aftr. nun, zur Korrektur ſeiner durch Sombarts Autorität etwas einſeitig gewordenen Meinung über die innerhalb der bürgerlichen Gelehrſamkeit tatſächlich vorherrſchende Marxbeurteilung einmal den Bericht über „Die Tagung der Arbeitgeberverbände in Köln“ vom März 1922 aufzuſchlagen, den er laut Aufdruck für 40 M. (natürlich „freibleibend“!) vom Verlag „Offene Worte“ (!) in Charlottenburg beziehen kann. Dort findet er zwei Reden abgedruckt, mit denen zwei Leuchten der bürgerlichen Gelehrſamkeit, Herr Othmar Spann und Herr L. v. Wieſe, zur jubelnden Ueberraſchung und zur förmlichen „Erlöſung“ ihrer willfährigen Hörer (die ſich die Sache offenbar ſo ſchweineleicht gar nicht gedacht hatten!) den Marxismus ausdrücklich „wiſſenſchaftlich überwunden“ und dabei einige ſonſt etwas beſſer behütete Augurenweisheiten der bürgerlichen Gelehrſamkeit ausgeplaudert haben. Herr Spann, der im übrigen Behauptungen von ſo kraſſer Unwiſſenheit oder bewußter Lügenhaftigkeit auskramt, wie ſie früher wohl ſelbſt einem bürgerlichen Nationalökonomen nicht leicht über die Lippen gekommen wären (z. B.: daß den Ausgangspunkt der Lehre Marxens die Theorie „eines den Dingen ſtofflich innewohnenden Wertauantums“ bilde; vergl. dazu „Kapital“ Bd. I, Volksausg. S. 46/47, – und daß Marx nach anfänglicher Aufſtellung einer anderen Lehre „dann ſpäter“ „ſelbſt zugegeben“ habe, daß der Preis der Waren nur ausnahmsweiſe mit dem Arbeitswert übereinſtimme; vergl. dazu ſchon die Bemerkungen auf S. 45/46 der „Kritik der politiſchen Oekonomie“ von 1859!), verrät uns an verſchiedenen Stellen ſeines Vortrags die intereſſante Tatſache, daß „nicht nur die Arbeiter, auch die Arbeitgeber und viele Vertreter der ſogenannten bürgerlichen Wiſſenſchaft noch heute im Banne des Marxismus ſtehen“ (S. 17) und daß die Ideen des Kommunismus „noch unwiderlegt ſind und ſelbſt die bürgerliche Welt in ihrem Banne halten“ (S. 21); einige auf den engeren Kreis der theoretiſch ausgebildeten Fachmänner beſchränkt gebliebenen „Siege des Fachgelehrtentums“ über die Marxſche Theorie hätten leider, ſchon wegen der Unvollſtändigkeit ihrer Unterſuchungen, „für das politiſche Bewußtſein des deutſchen Volkes wenig Nutzen geſtiftet“ (S. 21). Herr Spann möge ſich tröſten. Er leſe die Betriebsrätezeitung des Allgemeinen Deutſchen Gewerkſchaftsbundes und beſonders die Aufſätze der Herren Striemer alias „aſtr.“! Dort findet er einen nahrhaften Troſt, als wenn er ſich (S. 31/32) damit tröſtet, daß er mit ſeinem „Ideal“ der Volkswirtſchaft als eines „ſittlichen Lebenskörpers“ (welcher ſittliche Lebenskörper übrigens laut Spanns Darlegung S. 22 „auf dem Nutzen und nicht auf der Arbeit“ beruht!) ſchon mit der „Sehnſucht der Jungſozialiſten“ zuſammentreffe, die ebenfalls „den Materialismus der Lehre Marxens ablehnen“ und „dem Mechaniſch-Quantitativen ſeiner Wirtſchaftsauffaſſung entfliehen wollen.“

Wir aber flüchten jetzt von dieſem After- und Pſeudogelehrten zu einem anderen, der im Vergleich zu Spann geradezu als ein guter Vertreter der „bürgerlichen Wiſſenſchaft“ bezeichnet werden kann, und der vermutlich ſogar auch in dem Augenblick ſubjektiv gutgläubig war, als er vor den verſammelten Arbeitgebern in Köln die Lehre verkündete, daß eine „Ausbeutung des Arbeiters durch den Arbeitgeber bei der Produktion“ zwar „bisweilen vorkommen möge“, heute aber (März 1922!) „bei ſo veränderten Machtverhältniſſen verhältnismäßig ſelten ſei“ (S. 35).

Dieſer, wie geſagt ſubjektiv unſerer Ueberzeugung nach durchaus ehrliche bürgerliche Gelehrte, Profeſſor Leopold von Wieſe, ſetzte auf der Tagung der Arbeitgeber den von ſeinem Kollegen Spann begonnenen Verrat offenbarer Geheimniſſe in der dem Vortrag folgenden Diskuſſion noch ſchöner fort. Er erklärte, daß „wir, wenn ich ſo ſagen darf, eine Geſchichte des ſchlechten Gewiſſens ſchreiben müßten, wenn wir die Marxkritik der vergangenen letzten 60 Jahre zu ſchreiben hätten.“

„Gerade auch die wiſſenſchaftliche Kritik hat ſich von der Lehre Marxens zumeiſt ungeheuer imponieren laſſen. Ihre Kritik beſtand zumeiſt entweder im Ignorieren, oder ſie ſetzte an verhältnismäßigen Nebenſächlichkeiten, wie etwa bei der Verelendungstheorie, ein, oder ſchließlich beſtand ſie in einer mehr politiſch oder ethiſch als volkswirtſchaftlich argumentierenden Ablehnung. Die großen wiſſenſchaftlichen Fehler des Syſtems ſind bisher mehr von Marxiſten ſelbſt oder von nichtmarxiſtiſchen Sozialiſten als von Anhängern der Verkehrs- und Erwerbswirtſchaft aufgewieſen worden“ (S. 33).

Da hätten wir es alſo ſchwarz auf weiß, wer allein nach Anſicht der Bürger den Marxismus „wiſſenſchaftlich widerlegt und überwunden“ haben ſoll. Und vortrefflich paßt hierzu eine ganz ernſthaft gemeinte Würdigung von Cunows „Marxiſtiſcher Geſchichts-, Geſellſchafts- und Staatstheorie“, die wir in der ſoeben erſchienenen Schrift eines anſcheinend durchaus unbefangenen und Cunow gegenüber ſehr wohlwollenden Gelehrten finden: „Was Bernſteins „Vorausſetzungen' begonnen haben, iſt hier in umfaſſender und großzügiger Weiſe durchgeführt“ (vergl. Emil Kraus: Die geſchichtlichen Grundlagen des Sozialismus, Karlsruhe 1922, S. 60). Ja, in der Tat, die Erſetzung der ſtrengen marxiſtiſchen Lehre durch einen wertloſen Miſch-maſch pſeudowiſſenſchaftlicher Gelehrſamkeit und reformiſtiſcher politiſcher Tendenz, die Bernſtein einſt in ſeinen von Cunow verketzerten „Vorausſetzungen des Sozialismus“ begonnen hat, iſt in Cunows zweibändigem Werk „in umfaſſender und großzügiger Weiſe durchgeführt“.

II. Ein zweifach Toter.

Eine Schicht tiefer, als die bisher beſprochene, liegt nun eine andere Dialektik innerhalb der Geſchichte der Marxkritik, als deren typiſchſter Vertreter vielleicht der kürzlich verſtorbene Preiskämpfer des Antimarxismus, Profeſſor Richard Ehrenberg, angeſprochen werden kann. Dieſer Mann hat, möglicherweiſe ſogar im beſten Glauben, faſt ſeine ganze Lebensarbeit als ein treuer Kettenhund des Kapitalismus verrichtet. Seine Bücher behandeln größtenteils ſolche Themen wie „Große Vermögen“, „Sozialreformer und Unternehmer, Unparteiiſche (!) Betrachtungen“, „Die Unternehmungen der Brüder Siemens“, „Die Familie in ihrer Bedeutung für das Volksleben“, „Kruppſche Arbeiterfamilien“ uſw. uſw. Das von ihm begründete und in Gemeinſchaft mit ſolchen ausgeſprochenen Arbeitgeberintereſſen-vertretern wie Syndikus Stegemann herausgegebene „Thünen-archiv“ war, wie er ſelbſt erklärt, größtenteils „der Widerlegung marxiſtiſcher Irrtümer gewidmet“ (vergl. S. 30 der letzten von Ehrenberg geſchriebenen und nach ſeinem Tode im 9. Bande des Archivs und außerdem ſelbſtändig bei Fiſcher in Jena 1922 erſchienenen Abhandlung „Klaſſenkampf und Sozialfrieden, Weitere ſozialphyſikaliſche Klärung“). Er entbehrte auch nicht des Scharfſinns und einer gewiſſen produktiven wiſſenſchaftlichen Fähigkeit. So nimmt er, wahrſcheinlich mit Recht, für ſich in Anſpruch, den heute ſo wichtig gewordenen Begriff der „Arbeitsgemeinſchaft“ vor etwa 15 Jahren zuerſt aufgeſtellt zu haben.2 Auch finden wir in allen ſeinen Schriften wahre Blitzlichter von einzelnen geiſtreichen Einfällen. Zum Beiſpiel die Betrachtung (S. 22/23), daß ſchon zur Zeit des Macchiavell die Frage der materialiſtiſchen Geſchichtsauffaſſung in unentwickelter Form diskutiert worden ſei in der damals höchſt beliebten Erörterung des Ciceronianiſchen Satzes, der das Geld als den Nerv des Krieges“ (pecunia nervus belli) bezeichnet. Oder folgende eines Dramas von Bernard Shaw würdige Beobachtung: „Wir können uns jetzt recht gut vorſtellen, daß künftige Kriege vielleicht ſchlechthin entſchieden werden könnten durch Ueberlegenheit der Zerſtörungstechnik, d. h. der bloßen zweckmäßigen Anwendung von Kapital für Zerſtörung“ (S. 23). Wir haben hier alſo einen ernſthaften Marxkritiker (und nicht ſo einen wie etwa Herrn Spann) vor uns. Bei dieſem Gelehrten begegnet uns nun in beſonders deutlicher Erſcheinung ein wiederum für eine ganze Richtung von ganzen und halben Marxüberwindern typiſcher, höchſt eigenartiger dialektiſcher Widerſpruch: indem ſie einen, von ihnen einſeitig und falſch verſtandenen Marxismus „widerlegen“ und „überwinden“ wollen, verfallen ſie ihrerſeits unverſehens – ganz genau demſelben Irrtum, den ſie Karl Marx mit Unrecht vorwerfen. Hören wir Ehrenberg. Ihm, wie den meiſten anderen bürgerlichen Marxkritikern, iſt ſelbſtverſtändlich Marx einer der nächſten Verwandten des Gottſeibeiuns, grober „Materialiſt“, „Oekonomiſt“, beinahe ſchon „Mammoniſt“. Ehrenberg z. B. bezeichnet auf S. 24 Karl Marx als einen „in deutſcher Dialektik gebildeten polniſchen Juden, der dann auf engliſchem Boden gewiſſe Mängel der klaſſiſchen Volkswirtſchaftslehre in ſich aufnahm“. Was aber ſtellt nun Ehrenberg dieſer zerſetzenden Irrlehre Marxens als eigene Wahrheit gegenüber? Er geht aus von einem wahrhaft kurioſen Begriff der „Wirtſchaft“. „Wirtſchaftliche Probleme, welche entſtehen durch das Wirken der menſchlichen Selbſtliebe auf die Sachgüterproduktion, durch die „Technik“. Schlucken wir dieſen wahrhaft unverdaulichen Brocken von den metaphyſiſchen Wirkungen einer menſchlichen Selbſtliebe, die ſelbſt die Schöpfungskraft der göttlichen Liebe der mittelalterlichen Theologie noch um ein erkleckliches zu überbieten ſcheint, tapfer hinunter und gehen gleich weiter zu der Definition ſeines „wirtſchaftlichen Prinzips“. Dieſes beſteht – wie ſollte es für einen „Sozialphyſiker“ auch anders ſein? – in nichts anderem als dem „in der ganzen Natur herrſchenden Geſetz des klein ften Kraftaufwands in ſeiner Anwendung auf das wirtſchaftliche Leben der Menſchheit. Schlucken wir auch dieſes ohne Murren, obwohl uns zugemutet wird, auf Grundlage dieſer Definition der „wirtſchaftlich produktiven“ Kraftaufwendungen auch ſolche Schönheiten wie Thünens „Produktivität der ſchlafloſen Nächte des Unternehmers“ paſſieren zu laſſen. Worauf es uns hier allein ankommt, iſt die überraſchende Tatſache, daß nun der bürgerliche Profeſſor Ehrenberg von dieſem ſeinem „wirtſchaftlichen Prinzip“ ausdrücklich behauptet, daß es „das Grundgeſetz alles Geſchehens“ ſei (S. 26). „In der Tat iſt jenes Weltgeſetz nicht nur die Wurzel aller Selbſterhaltung, nein, auch die Wurzel aller Entwicklung: die koſtbare Menſchenkraft iſt bei ausreichender, doch mäßig er „Ernährung' fähig zu den höchſten Leiſtungen; aber freilich bedarf ſie auch des „Seelenbrotes' (S. 34).“ Dieſe Zugabe zu der ausreichenden, doch mäßigen Ernährung der Menſchenkraft iſt nach Profeſſor Ehrenberg zu ſchaffen durch die gerade jetzt wieder beſonders notwendige Errichtung von gewiſſen „ſozialen Zwiſchen bauten, welche die deutſche Seele erlöſen aus den Klauen des „Klaſſenkampfes' und ſie hinaufgeleiten können zu den Höhen des Gemeinſchaftslebens“, z. B. zu jenem „Seelenfrieden“, der erzeugt wird durch – „d e n kleinen Garten !“ So wörtlich, und mit den gleichen Sperrdruckhervor- hebungen, zu leſen auf S. 15 der „Sozialphyſikaliſchen Klärung“ von Prof. Ehrenberg, die ſich ſelbſt das bibliſche Motto vorangeſtellt hat: An ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen! Sehen wir aber von dieſen „Früchten“ des kleinen Gartens, den praktiſchen Nutzanwendungen des Unternehmerknechtes, hier wiederum ab und konzentrieren uns auf den Hauptpunkt: Was in aller Welt vertritt denn der bürgerliche Profeſſor Ehrenberg für eine andere Weltanſchauung als jene „grob materialiſtiſche“ Lebensauffaſſung, die die Bürger aller Länder dem hiſtoriſchen Dialektiker Karl Marx unabläſſig mit Unrecht zuſchreiben, die aber Karl Marx ſelbſt in einer Jugendſchrift als „verworfenen Materialismus“ gebrandmarkt und auch in allen ſpäteren Epochen ſeines langen Forſcher- und Kämpferlebens weit von ſich gewieſen hat. Denn offenbar ſieht doch er, der bürgerliche Profeſſor Ehrenberg, ſeinerſeits den geſamten geſchichtlich-geſellſchaftlichen Lebensprozeß erſtens als einen rein naturwiſſenſchaftlich (phyſikaliſch-biologiftiſch) aufzufaſſenden Pro- zeß an und glaubt zweitens zugleich (beide Irrtümer verbinden ſich hier), daß dieſer Prozeß in ſeinem Verlauf rein ökonomiſch beſtimmt wäre. Der Marxüberwinder Ehrenberg verfällt alſo bei dem Verſuch der Marxüberwindung in den Widerſpruch, daß er die von ihm bei Marx zu widerlegen verſuchte, bei Marx aber gar nicht vorhandene Lehre zuletzt in ſich ſelbſt rein darſtellt. Er hat alſo im Endeffekt nicht nur, wie Engels dergleichen nennen würde, „reinen Blödſinn“ geredet, ſondern damit auch überhaupt nichts und niemanden, als höchſtens ſich ſelber, „überwunden“. Wobei ſogar noch zu bemerken iſt, daß er mit dieſem Ergebnis ſeines Marxüberwindungsverſuchs nicht einmal allein als originelles wiſſenſchaftliches Individuum daſteht, ſondern der Verlauf und Ausgang ſeines Verſuchs nur ein Beiſpiel für den abſolut typiſchen Verlauf und Ausgang einer ganzen Gruppe ſolcher Marx-überwindungsverſuche darſtellt. Z. B. beendigt auch der aus der „Svzialiſierungsära“ bekannte bürgerliche Kathederſozialiſt Robert Wilbrandt ſeine Widerlegung des Marxſchen theoretiſchen „Materialismus“ und „Oekonomismus“ in unfreiwilliger Dialektik ganz ſinngemäß dadurch, daß er ſchließlich (beſonders deutlich in ſeiner 1920 erſchienenen „Oekonomie“) anftelle des abgeſetzten „kategoriſchen Imperativs“ des alten Idealiſten Immanuel Kant das moderne „wirtſchaftliche Prinzip“ als das praktiſche Sittengeſetz der menſchlichen Gemeinſchaften proklamiert und damit alſo die „Oekonomie“ als die abſolute „Norm der Geſellſchaft“ auf den ideologiſchen Thron erhebt. Ganz entgegengeſetzt dieſem „praktiſchen Oekonomismus“ des modernen Marxüberwinders Wilbrandt hat bekanntlich der altmodiſche Karl Marx auch noch in ſeinen ſpäteſten Werken an entſcheidender Stelle die nicht mehr durch ökonomiſche Notwendigkeiten bedingte menſchliche Kraftentwicklung, die ſich als „Selbftzweck“ gilt, für das wahre Reich der Freiheit erklärt, das freilich erſt nach einer langen und qualvollen „Vorgeſchichte“ auf jenem Reich der Notwendigkeit als ſeiner Baſis aufblühen kann.

III. Ein Kerl, der Spekuliert.

Die unfreiwillige innere Dialektik der bürgerlichen Marx-Kritik, von der wir einige charakteriſtiſche Proben ſchon kennen gelernt haben, gewinnt ein beſonderes Intereſſe da, wo die bürgerlichen Marx-Kritiker ihrerſeits den Verſuch machen, ſich mit der dialektiſchen Methode auseinanderzuſetzen. Ein typiſches Beiſpiel für dieſe Spezies der bürgerlichen Marx-Kritik ſtellt, wie ſchon ihr Titel zum Ausdruck bringt, die 1922 bei Baedeker in Eſſen erſchienene Schrift „Spekulation und Wirklichkeit im ökonomiſchen Marxismus“ des Münſterſchen Privatdozenten Eduard Lukas dar. Der Verfaſſer bekennt ſich zur Schule des bekannten Marx-Ueberwinders Plenge. Aber ohne durch ſolche Vergleiche den „abſoluten“ Abſtand zwiſchen den beiden Bezugsſyſtemen Fauſt-Wagner und Plenge-Lukas irgendwie verringern zu wollen, müſſen wir doch, um auch in unſeren „relativen“ Größenangaben genau zu ſein, gleich anfangs betonen, daß der Schüler Lukas dem Meiſter Plenge kaum näher kommt, als der hochgelehrte Famulus Wagner ſeinem unſelig-ſeligen Meiſter Fauſt. Profeſſor Johann Plenge aus Münſter iſt, mit all ſeinen Oberflächlichkeiten, Mißverſtändniſſen, Frechheiten und Geſchmackloſigkeiten, doch innerhalb der bürgerlichen Fachgelehrten immer noch eine höchſt reſpektable Größe. Ja, er fällt mit einer Seite ſeines Weſens aus dieſer ganzen Gattung ſogar ſchon heraus, und man könnte ihn, im Guten und im Böſen, geradezu als einen ſpätgeborenen Sproſſen vom Stamme des kritiſch-utopiſtiſchen Sozialismus anſehen. D. h. alſo, er iſt in ſeiner, beſchränkt utopiſtiſchen Weiſe immerhin eine Art von Revolutionär, der nur leider die jüngſte Phaſe der kapitaliſtiſchen Entwicklung, die Phaſe einer „auch im Bereiche der Wirtſchaft in ſtaats ähnlichen, dauern den Formen aufgebauten Geſellſchaft“ (zitiert aus Plenges 1911 veröffentlichtem Hauptwerk „Marx und Hegel“ S. 178), echt utopiſtiſch für eine „neue Welt“ des „aufbauenden“ oder „organiſatoriſchen“ Sozialismus verſehen hat. Aus dieſer Einſtellung heraus hat er dann bekanntlich auch im Jahre 1914 und noch geraume Zeit nachher die damals entſtehende deutſche Kriegswirtſchaft in Verbindung mit der vermeintlich gleichzeitig entſtehenden deutſchen Weltwirtſchaft mit der ganzen folgerichtigen Naivität eines Fourier als die ſozialiſtiſche Weltrevolution begrüßt und infolge dieſer merkwürdigen Verwechſlung mehrere Jahre lang das ſeltene Glück einer Erfüllung ſeiner kühnſten Zukunftsträume gleichſam am Phantom genießen können. Er iſt alſo zwar nichts weniger als ein „wiſſenſchaftlicher“ Sozialiſt in der beſonderen Hegel-Marxſchen Bedeutung dieſes Begriffes, ſondern vielmehr das genaue Gegenteil davon. Auch ver- mochte er eine „Revolutionierung der Revolutionäre“ (Titel eines zu Kriegsanfang veröffentlichten Plengeſchen Werkes) nur in demſelben un dialektiſchen Sinne hervorzubringen, wie etwa das Gör- litzer Programm von 1921 eine „Revolutionierung“ des revolutio- nären Programms der deutſchen Sozialdemokratie von 1891 darſtellt, d. h. alſo im Sinne einer einfachen Rückkehr zu einem inzwiſchen geſchichtlich wie begrifflich ſchon längſt überholten Standpunkt. Er beſitzt aber in ſeiner unerſchütterlichen (anſcheinend auch heute noch nicht ernſtlich erſchütterten!) Zukunftsviſion und ſeinem ſtarken Zukunftswillen immerhin geiſtige Kraftauellen, die ihn hoch über das Niveau der normalen bürgerlichen Gelehrſamkeit erheben. All dies aber gilt nur für Plenge perſönlich. Für die Heranbildung revolutionärer Schüler reicht die revolutionäre Kraft dieſes wie anderer Utopiſten nicht aus. Und beſonders Herr Eduard Lukas erſcheint in ſeinem fleißigen Buche als ein durch keinerlei „Geſichte“ geplagter, in keinem Sinne fauſtiſch zwieſpältiger und ſich durchaus nur des einen, d. h. des ſtrikte „bürgerlichen“ Sinnes bewußter Famulus Wagner. Wir werden ſehen, das Plenge das Weſen der Hegel-Marxſchen Dialektik, in das er durch ein leidenſchaftliches und innerhalb der ihm durch ſeine ſpezifiſche Borniertheit gezogenen Grenzen auch durchaus fruchtbares Studium der Hegel-Marxſchen Originalwerke einzudringen verſucht hat, an entſcheidender Stelle verhängnisvoll mißverſteht. Nicht ſo Lukas. Er kann die Hegel-Marxſche dialektiſche Methode nicht mißverſtehen, weil er nichts von ihr verſteht. Er kann ſie nicht verſtehen, weil er ſie nicht kennt, und würde ſie nicht verſtehen, wenn er ſie auch kannte, weil er ihr nicht gewachſen iſt. Mit jener rein negativen „Beſcheidenheit“, die nach Goethe ſchon Wagners „beſchieden Teil“ geweſen iſt, berichtet er uns im Vorwort ſeines Buches, das doch ganz weſentlich als Kritik der dialektiſchen Methode auftritt und in dem dieſe von Marx „eigentümlich angewandte“ dialektiſche Methode auch ganz zutreffend als eine „Hegelſche“ Methode bezeichnet wird, daß er ſich das Verſtändnis dieſer Hegelſchen Dialektik nicht etwa durch eigenes Hegel-Studium erarbeitet hat, ſondern daß ihm die „Erkenntnis des Weſens“ dieſer Methode „als reife Frucht aufmerkſamer Lektüre (!) des genannten Werkes (d. h. Plenges „Marx und Hegel“!) und perſönlicher Rückſprache mit deſſen Verfaſſer in den Schoß gefallen (!!) ſei“. Welche Mißgeburt aber aus dieſem intimen perſönlichen Verkehr eines leichtſinnigen Erzeugers mit einem ſo gänzlich unvorbereiteten Schoß entſprungen iſt, das kann der Leſer, der auch nur die philoſophiſche Terminologie Hegels und Marxens einigermaßen lennt, ſchon aus dem Namen erahnen, unter dem die in holder Be- ſcheidenheit errötenden Mutter Lukas ihren munteren Plenge-Sprößling in die wiſſenſchaftliche und ſonſtige Welt einführt, und aus den „tieſgefühlten“ Empfindungen und „innigen Hoffnungen“, mit denen ſie ſeinen Eintritt in dieſe Welt begleitet. „Spekulation und Wirklichkeit im ökonomiſchen Marxismus. Eine Unterſuchung zum Dogma der kapitaliſtiſchen Ausbeutung.“ Das ſoll heißen: Durch eine „reinliche Trennung“ der durch Marx in die „natürliche Wirklichkeit“ hinein „geſpiegelten“ Mehrwertidee von jenker natürlichen Wirklichkeit ſoll das durch die unzuläſſige Verguickung beider entſtandene „Dogma“ von der kapitaliſtiſchen Ausbeutung kritiſch ana- iiert und widerlegt werden. Daß hier bei Lukas etwas nicht in Ordnung iſt, zunächſt einmal rein terminologiſch, iſt auch für einen oberflächlichen Kenner, ſei es von Hegel, ſei es von Marx, von vornherein klar. „Spekulation“, „Wirklichkeit“, „Dogma“ können auf die je Weiſe nicht zuſammen, und alſo erſt recht nicht auseinander gebracht werden. Wir brauchen jedoch auf die Gründe dieſer urſprünglich wiederum von Plenge angerichteten, von Lukas ſelbſt aber dann in die Breite gezogenen und dadurch erſt recht eklatant gewordenen babyloniſchen Sprachverwirrung hier vorerſt nicht näher einzugehen. Sie iſt, wie wir ſpäter ſehen werden, nur der getreue Ausdruck einer zugrundeliegenden ſachlich-methodologiſchen Begriffsverwirrung, durch welche Lukas ſeinem „beſcheidenen“ Verſuch zu einer „aufbauenden Ueberwindung der nachteiligen Seiten des Marxismus“ jede Möglichkeit des Erfolges tatſächlich von vornherein „verbaut“ hat. Lukas, der als echter „Schüler“ unter allen Lehren ſeines Meiſters gerade die irrtümlichen am getreulichſten fortführt, meint, daß Karl Marx bei der Aufſtellung ſeiner in den drei Bänden des „Kapital“ in die Wirklichkeit „hineingeſpiegelten“ Wert- und Mehrwertlehre von einer Anſchauung der kapitaliſtiſchen Wirklichkeit „ausgegangen“ ſei, die ſich „draſtiſch“ etwa ſo ausdrücken ließe:

Quote:
Die Einen eſſen viel und gut und arbeiten wenig oder nur leicht. Die Anderen wieder eſſen weniger, zumindeſt bei weitem nicht ſo gut, und arbeiten viel und ſchwer, beſonders wenn wir die Arbeitsleiſtung nach Gewichtseinheiten einſchätzen wollen.

(Wo der redliche Lukas die Unterſtreichung gerade dieſer letzten Einſchätzungsgrundlage bei Marx gefunden haben mag, bleibt ſein moraliſches Geheimnis!) Dies habe ihn auf den Gedanken gebracht, daß in dieſer Wirklichkeit die kapitalbeſitzende Klaſſe die arbeitende Klaſſe „ausbeute“, welche Ausbeutung ſich die arbeitende Klaſſe gefallen laſſen müßte, weil bei vorgeſchrittener kapitaliſtiſcher Produktionstechnik zur Vergegenſtändlichung der Arbeit Produktionsmittel gehören, deren hoher Kapitalwert nur dem Kapitaliſten erreichbar ſei. (Und leider habe, immer nach Lukas, Marx ſich mit der Tatſache begnügt, daß die hohen Kapitalwerte dem Arbeiter nicht zugänglich ſeien, aber niemals danach gefragt, warum ſie es nicht ſeien!)3 Auf dieſer Grundlage habe nun Marx ſeine beſondere ökonomiſche Ausbeutungstheorie in Form der „Mehrwertslehre“ aufgeſtellt. Das eigentümliche Weſen dieſer Marxſchen Mehrwertslehre ſieht Lukas (an dieſem Punkt etwas tiefer eindringend als manche andere bürgerliche Marx-Kritiker) darin, daß ſie nicht als eine weſentlich moraliſche Lehre beſagt, daß das ſittliche Unrecht der Ausbeutung nicht ſein „ſolle“, ſondern ihre weſent- liche Grundlage in einem ökonomiſchen Wertbegriff hat, der „iſt“ und in einem Wertgeſetz, das in der Wirklichkeit tatſächlich „exiſtiert“ im Sinne einer „urſächlichen Wirkung“ (S. 18, 33). Dieſen Nachweis einer wirklichen Exiſtenz des Wertbegriffs, einer wirklichen Geitung des Wertgeſetzes habe Marx als „Hegelianer“ durch „eine Art von“ Hegelſcher Dialektik (S. 4, 35) zu führen verſucht, indem er von der wirklichen Geltung dieſes Geſetzes ausgehe und dieſe „zunächſt will fürliche und beliebige Spekulation“, die „vorerſt im Gegenſatz zur Wicklichkeit“ ſtehe, da ja in der „äußerlich wahrnehmbaren Wirklichkeit“ die Wertbildung vielmehr durch das Produktionskoſtengeſetz beherrſcht werde, dialektiſch als den tieferen Sinn dieſer Wirklichkeit zu entwickeln verſuche. Dieſe „dialektiſche Hineinſpiegelung“ des Werts und damit zugleich auch des „Mehrwerts“ in die Wirklichkei ſei ihm aber gänzlich vorbeigelungen (S. 37 ff.)4. Als ökonomiſche Theorie bleibt daher nach Lukas die Marxſche Wertlehre „abſtrakt“ im Hegelſchen Sinne, d. h. ohne Wahrheit und Notwendigkeit.5 Sowohl in ihrer ſpezielleren Faſſung, in der ſie nur für die kapitaliſtiſche Wirtſchaftsweiſe Geltung beanſprucht, als auch in einer anderen, allgemeineren Faſſung, in der ſie von Marx angeblich auch für nicht kapitaliſtiſche Wirtſchaftsformen aufgeſtellt worden ſein ſoll. (Lukas ſpricht kurioſerweiſe ſogar von einer „abſoluten Faſſung“, vergl. S. 30 ff., 79 ff.) „M or a l i ſch“ aber ſei, da „die Produktivität der Arbeit nur (!) dem Streben nach perſönlichem Markterfolge ihr Daſein verdankt“ (S. 94), gegen die „Zurechnung“ des nach dent Marktgeſetzen dem „produktionsfördernden Tauſchwertbeſitz“ zitial-lenden Anteils am geſellſchaftlichen Geſamtprodukt durchaus nichts einzuwenden, und könnten, von gewiſſen „Härten“ abgeſehen, ſogar auch ſolche Einkommen, wie Zins- und Renteneinkommen, durchaus „gerrchtfertigt“ ſein.6 So hätte alſo Karl Marx nach Lukas, ſtatt durch ſein Ausbeutungsdogma den „tatſächlichen ſozialiſtiſchen Werde-gang“ auf eine „falſche Bahn anorganiſcher Entwicklung“ zu treiben, es lieber der „Allgemeinheit, die ſouverän iſt in der Geſtaltung ihrer Wirtſchaftsverfaſſung“ anheim geben ſollen, in ihrer durch die „kapitaliſtiſchen Entwicklungstendenzen“ tatſächlich auf dem Wege zu „organiſatoriſcher Beherrſchung in gebundener Wirtſchaftsform“ fortſchreitenden Entwicklung „in einer neuen Wirtſchaftsverfaſſung die Härten der alten zu überwinden“. „Eine Kritik der ſozial c n Politik hätte daher aus dem „Kapital“ werden müſſen, und keine „Kritik der politiſchen Oekonomie“ (S. 100). Da wiſſen wir's. Schade, daß Karl Marx es nicht mehr hören kann und der immerhin geiſtreiche Utopiſt Plenge (zum Unterſchiede von ſolchen geiſtloſen Utopiſten wie etwa Franz Oppenheimer) ſich an eine ſolche Aufgabe, wie eine totale Haupt und Glieder ergreifende Reformation des „Kapital“ wohl ſelbſt mit ſeinem im „Staatswiſſenſchaftlichen Inſtitut“ in Münſter herangezogenen Schülerſtabe nicht recht herantrauen wird.7 Aber geſchehen iſt nun einmal geſchehen, ſagt Valentin, aus dem Marxſchen „Kapital“ iſt fälſchlich eine „Kritik der politiſchen Oekonomie“ geworden. Wie hält nun dieſe „Kritik“, und beſonders die in ihr von Marx „eigentümlich angewendete“ dialektiſche Methode den Plenge-Lukasſchen Angriffen ſtand. Da iſt denn zunächſt und vor allem zu betonen, daß die Dialektik ſowohl bei Hegel als auch bei Marx etwas gänzlich an der es iſt, als Was ſich Herr Lukas darunter vorſtellt. Legen wir die Lukasſche Darſtellung ſo wohlwollend und poſitiv aus wie nur irgend möalich, ſo ergibt ſich, daß das, was er die echte Hegelſche dialektiſche Methode nennt und von Marx angewendet zu jehen wünſcht, gar nichts anderes iſt, als die ſogenannte empiriſche Methode der ſogenannten erakten Naturwiſſenſchaften von heute, oder genauer geſagt von geſtern und ehegeſtern, die auch in der bürgerlichen Vulgärökonomie ſchon längſt gang und gäbe iſt. Ganz wie bei dieſer Methode eine zunächſt ſcheinbar „willkürlich“ aufgeſtellte „Hypotheſe“ im weiteren Fortgang allmählich als tatſächlich gültig für eine ganz im Sinne des „itaiven Realismus“ gedachte „Wirklichkeit“ empiriſch nachgewieſen wird, ſo ſoll nach Lukas auch die von ihm ſo genannte „dialektiſche Methode der Oekonomik zwar zunächſt unbewieſene Hypotheſen a priori aufſtellen dürfen, dieſe aber dann a posterior, „empiriſch“ beweiſen müſſen. Am deutlichſten tritt dieſe Lukasſche Auffaſſung in den allgemeinen Ausführungen ſeines § 14, S. 51 ff., hervor, auf die der Leſer zum Belege verwieſen ſei. Und wenn Lukas gelegentlich von dieſer Forderung in Worten ſcheinbar abgeht, indem er zugibt, daß „an ſich“ die „ſpekulative Auslegung“ eines „empiriſcher Forſchung nach anders gearteten“ Zuſtands- und Bewegungsbildes, „möglich“ ſei, „ſofern nur der zurückliegende höhere Geſichtspunkt aus ſeiner Notwendigkeit heraus die logiſche Rechtfertigung enthalte“, ſo ſteckt hinter dieſen etwas verworrenen Worten bei Lukas tatſächlich gar nichts. Eine enaue Analyſe der in dieſer Hinſicht entſcheidenden Stellen des Lukas ergibt, daß er nirgends in der Oekonomie einem nicht empiriſch erhärtbaren Begriff oder Satz irgendeine „logiſche“ Gültigkeij Rechferij zuerkennt. Und die einzigen „metaphyſiſchen“ Ideen“, die er (auch hier in ſeiner Terminologie wie in ſeiner ſachichen Einſtellung ein waſcheche Anhänger der bis vor kurzem in den Naturwiſſenſchaften, vorherrſchenden ſogenannten empiriſchen Methode!) anerkennt, ſind die von ihm als „moraliſch“ bezeichneten Ideen, über deren Inhalt und Herkunft er am Ende ſeines Buches einige allgemeine Bemerkungen von nicht mehr zu überbietender Vageit und Flachheit macht und von denen er ſchon vorher in einer Fußnote ausdrücklich erklärt hat, daß ſie „außerökonomiſche und daher nicht erakt faßbare“ Geſichtspunkte zum Gegenſtand hätten (S. 93). Alle die weitſchweifigen „opportunen Erwägungen“ aber, die er unter dieſem ausdrücklichen Vorbehalt über dieſe ſogenannten „moraliſchen“ Fragen dann ſelber anſtellt, laufen, wie noch näher zu zeigen ſein wird, höchſt charakteriſtiſcherweiſe am Ende ausnahmslos darauf hinaus, gewiſſen an der en Faktoren des Produktionsprozeſſes das und den „Verdienſt“ am Produktionserfolg in ebenſo einſeitiger Weiſe moraliſch zuzurechnen“, wie ihn Karl Marx nach der üblichen, von Äjejej zurückgewieſenen, andererſeits doch aber wieder herangezogenen, oberflächlichen Mißdeutung ſeiner Mehrwertlehre einſeitig dem „unmittelbaren Arbeitsaufwand“ zurechnen ſoll.

Allerhand Marx-Kritiker. (continued)

So iſt alſo das, was ſich Lufas unter der „dialektiſchen Methode“ vorſtellt, etwas ganz anderes als die wirkliche, von Hegel in der Philoſophie, von Marx in der ſozialökonomiſchen Wiſſenſchaft angewendete Methode. Dieſe letztere ſteht, wie ſowohl Hegel als auch Marx und Engels ſehr häufig betont haben, zu der ſogenannten „empiriſchen Methode“ der vulgären Naturwiſſenſchaft und Vulaär- ökonomie in einem cigenartige Einerſeits-Andererſeits-Verhältnis. Einerſeits wäre es falſch, wenn man die dialektiſche Methode Hegels oder gar die (in Gegenſatz zu der vermeintlich noch „idealiſtiſch“ serfahrenden Hegelſchen Dialektik) ausgeſprochen „materialiſtiſche“ Dialektik Marxens ſo verſtehen wollte, als ob durch ſie eine gründliche und erakte entpiriſche Erforſchung des Erfahrbaren in Natur und Geſellſchaft überflüſſig gemacht werden ſollte. Bekanntlich hat ſchon Hegel an vielen entſcheidenden Stellen ſeines Werkes ſolche Ausſprüche getan, wie daß man „das Hiſtoriſche getreu auffaſſen“ müſſe, und iſt deshalb bekanntlich von einem ſeiner bedeutendſten Schüler (Ferdinand Laſſalle) ſogar als der „größte Empiriker“ bezeichnet worden. Und Karl Marx geht bei ſeiner „materialiſtiſchen“ Umbildung der Hegelſchen Dialektik gerade nach dieſer Richtung hin über Hegel ſelbſt noch ein bedeutendes Stück hinaus. Es läßt ſich aber andererſeits auch ganz zweifelsfrei aufzeigen, daß trotz dieſer bei ihm ſehr ſtark hervortretenden Betonung der Notwendigkeit einer ſtreng empiriſchen Erforſchung des Erfahrbaren auch Karl Marx, ganz ebenſo wie Hegel, jenen von aller Philoſophie verlaſſenem „naiven Realismus“, der als erkenntniskritiſche Poſition der ſogenannten empiriſchen Methode der vulgären Naturwiſſenſchaft und vulgären Oekonomie à la Lukas-Plenge zugrunde liegt, ganz ebenſo weit von ſich gewieſen hat, wie das rein aprioriſche Verfahren der abſtrakten Methaphyſiker. Es würde aber zu weit führen (und das Lukasſche Buch, ſogar ſummiert mit ſämtlichen Werken Plenges und ſeiner Schüler, gibt dazu auch keine genügende Veranlaſſung!), an dieſer Stelle den poſitiven Inhalt deſſen, wodurch die dialektiſche Methode Hegels und Marxens über den ſogenannten reinen Empirismus hinausgeht, nach allen Richtungen hin ausführlich darzulegen. Nur ſoviel davon ſoll mitgeteilt werden, daß dadurch das Plengeſche Mißverſtändnis, die Lukasſche Verſtändnisloſigkeit deutlich hervortritt. Wir haben ſchon des öfteren angedeutet, in einem wie gänzlich unhegelſchen Sinne Lukas, auch hierin einen Irrtum ſeines Meiſters Plenge wortgetreu kopierend, den Hegelſchen Begriff des „Spekulativen“ verwendet, indem er darunter nicht ein notwendiges Moment des dialektiſchen Prozeſſes, ſondern vielmehr eine für die ſtrenge wiſſenſchaftliche Erfaſſung des Wirklichen im Guten und Böſen eigent- lich völlig belangloſe „quaſi-metaphyſiſche“ Annahme verſteht. In dieſem Sinne iſt es gemeint, wenn er die Marxſche Mehrwertlehre als eine reine „Spekulation“, die Marx in die natürliche „Wirklichkeit“ „hineingeſpiegelt“ hätte, bezeichnet, und ſie im gleichen Atemzuge als ein bloßes „Dogma“ hinftellt. Und in genau dem gleichen Sinne erklärt ſchon Plenge an einer in dieſem Zuſammenhang von Lukas ausdrücklich in Bezug genommenen Stelle ſeines Buches, daß es ein „für Hegel ſelbſt ſchiefer Gedanke“ Marxens geweſen ſei, „den Kapitalismus als gegebenes Objekt der Erfahrungserkenntnis, ſtatt nach ſeinen organiſchen Zuſammenhängen in dialektiſcher Entwicklung zu ſchildern“ (Marx und Hegel, S. 165). Wie kraß ſie aber beide, Lukas und Plenge, den wirklichen Sinn der Hegel-Marxſchen Dialektik verkennen, wird erſt dann ganz offenbar, wenn wir nun an ſie auf Grund ihrer eigenen Ausführungen die Frage richten: Warum in aller Welt meßt denn ihr von eurem (naiv-) „realiſtiſchen" Standpunkt dieſer „ſpekulativen“ dialektiſchen Methode, die zu unſerer wiſſenſchaftlich- begrifflichen Erkenntnis der „gegebenen“ Erfahrungswelt und ihrer „organiſchen“ Zuſammenhänge gar nichts mehr beizutragen vermag, überhaupt noch irgendeine Bedeutung bei? Welcher wiſſenſchaftliche Zweck wird durch ſie noch gefördert? Auf dieſe Frage gibt uns nun der „Schul“-Meiſter Plenge eine wahrhaft erſchütternde Antwort, die wir nicht glauben würden, wenn er ſie uns nicht, in abſtrakter Formulierung wie in konkreter Anwendung, ausdrücklich ſchwarz auf weiß präſentiert hätte. So aber iſt kein Zweifel möglich: Die dialektiſche Methode hat für Plenge und ſeine Schüler wirklich nur noch den Zweck, die komplizierte Wirklichkeit der Erfahrungswelt ſchön einfach und überſichtlich begrifflich darzuſtellen, faſt ſo ſchön, wie es eine der berühmten, auch von Lukas S. 39 ausdrücklich angeprieſenen „Anſchauungstafeln“ Profeſſor Plenges im Staatswiſſenſchaftlichen Inſtitut in Münſter tut. Wenn Marx ſchon einmal auf den „ſchiefen Gedanken“ verfiel, den Kapitalismus in dialektiſcher Entwicklung zu „ſchildern“, meint Plenge, ſo hätte er im Sinne dieſer Hegelſchen dialektiſchen Methode doch wenigſtens „von einer Anfangsſtellung von elementarer Selbſtverſtändlichkeit“ durch den dialektiſchen Fortſchritt zu den konkreten Gedanken aufſteigen müſſen, die mit jenem einfachen Anfang tatſächlich (!) in untrennbarer Beziehung ſtehen.“ Er hätte nach „einer ganz einfachen, zunächſt unmittelbar verſtändlichen (!) Anfangstatſache ſuchen müſſen,“ und „alſo etwa ſtatt mit dem konſtruierten Mehrwert mit dem alltäglichen Profit den Anfang machen müſſen“! Da er dies nicht getan, vielmehr ſich über das „von Hegel für den größten Vorzug der Dialektik gehaltene“ Prinzip, daß „der Anfang das Allereinfachſte ſein muß“, ſomit über „die einfachſte Regel des dialektiſchen Verfahrens“ gröblich hinweggeſetzt und „das, was man erſt am Ende des ganzen Buches verſtanden haben könnte, bereits auf der erſten Seite vorausgeſetzt“ habe, ſo ſei nun er, Profeſſor Plenge in Münſter, es, „dem Andenken Hegels ſchuldig“, das von einem geſchickten „Spekulanten“ getäuſchte Publikum vor einer ſolchen „Denkprozeſſe grob äußerlich imitierenden“ Verfälſchung des Hegelſchen ſpekulativen Verfahrens zu warnen (Marx und Hegel, S. 165–66).

Der Leſer, der von Hegels Geiſt jemals einen Hauch verſpürt hat, faßt ſich verwundert an den Kopf. Iſt es denn glaublich, daß ein Gelehrter, der jemals Hegels „Rechtsphiloſophie“ oder irgend ein anderes bedeutendes Hegel-Werk im Original geleſen hat, die von Hegel angewendete dialektiſche Methode ſo auffaßt, daß bei ihr mit einer ganz einfachen, unmittelbar verſtändlichen, alltäglichen Tatſache angefangen würde? Iſt es nicht für dieſe Hegelſche Methode ein von Hegel ſelbſt vielfach betontes Charakteriſtikum, daß das, was erſt in der letzten Syntheſe als „Ergebnis“ zum vollen Verſtändnis gebracht wird, in der erſten Theſe ſchon „vorausgeſetzt“ wird8? In Wirklichkeit beginnt Hegel, und ganz ebenſo auch Marx, die dialektiſche Entwicklung allerdings mit dem „Einfachen“, aber für beide bedeutet dieſes „Einfache“ alles andere, als das „unmittelbar Verſtändliche“ und „Alltägliche“. Hegel ſelbſt vergleicht bekanntlich die „Einfachheit“ und „Alltäglichkeit“ der dem „natürlichen Bewußtſein“ beim Beginn des dialektiſchen Prozeſſes geſtellten Zumutung mit dem ihm gewaltſam angemuteten Zwang, „auch einmal auf dem Kopf zu gehen“ (Vorrede zur „Phänomenologie des Geiſtes“). Und bei Marx beſteht die vollbewußte und vielfach geäußerte Abſicht ſeiner „Kritik der politiſchen Oekonomie“ darin, zur Vernichtung derjenigen oberflächlichen und ſchiefen Vor- ſtcllungen, die die Menſchen der kapitaliſtiſchen Geſellſchaft, die prak- tiſchen Geſchäftemacher und ihre Interpreten, die Vulgärökonomen, zunächſt in ihren Köpfen haben, alſo z. B. ſolcher „einfacher“ und „alltäglicher“ Begriffe wie „Profit“, im Wege der dialektiſchen Entwick- lung wirklich „wiſſenſchaftliche“ Begriffe überhaupt erſt einmal hervorzubringen. Welche „revolutionäre“ Wirkung hierdurch erreicht werden ſoll und tatſächlich erreicht wird, ſoll an dieſer Stelle nicht näher dar- gelegt, ſondern nur noch an unſerem konkret vorliegenden Fall der Lukasſchen Marxüberwindung illuſtriert werden. Betrachten wir näm- lich dieſes nach des Verfaſſers beſcheidener Selbſtberühmung methodiſch „aus Marx ſelbſt heraus angelegte“ Lukasſche Werk jetzt einmal kritiſch unter dem Geſichtspunkt der wirklichen Dialektik, ſo erkennen wir, daß der Verfaſſer, der eine „Spekulation“, ein „nachteiliges“, von Marx in die wirkliche Welt hineingeſpiegeltes „Dogma“ zu widerlegen ausgezogen iſt, tatſächlich ſeinerſeits der von Marx offen auf der Grundlage des Wert- und Mehrwertbegriffes dialektiſch entwickelten kapitaliſtiſchen Wirklichkeit an allen entſcheidenden Stellen des Buches eine ſogenannte „natürliche Wirklichkeit“ oder „Wirklichkeit in natürlichem Lichte“ entgegenſtellt und darunter etwas verſteht, was Hegel eine gänzlich „unbegriffene“ Wirklichkeit nennen würde, und was weniger philoſophiſch ausgedrückt in der Tat nichts anderes ift als unſere ordinäre Wirklichkeit in derjenigen Erſcheinung, in der ſie ſich in den Köpfen ihrer ordinärſten Agenten gedankenlos widerſpiegelt. So iſt es denn z. B. auf ökonomiſchem Gebiet für Lukas eine ſchlechthin unbeſtreitbare „reale Tatſache“, daß „die Tauſchwertbildung der Wirklichkeit“ ihren begrifflichen Ausgangspunkt von der ſubjektiven Wertſchätzung der Tauſchſubjekte“ bzw. von ihrem „Beſitzintereſſe“ nimmt (S. 55). Und ganz ebenſo, wie hier mit Bezug auf die „realen Tatſachen“ der Oekonomie, erſcheint der Ueberwinder des Marxſchen „Ausbeutungsdogmas“ auch moraliſch als ein im Sinne Hegels gänzlich „begriffsloſer" bloßer Erponent der von ihm ausdrücklich auch Marx als Erſatz für ſein angebliches „individuelles Werturteil“ zum Maßſtab empfohlenen „herkömmlichen Begriffe der Gerechtigkeit“ (S. 99). Dieſe aber führen ihn natürlich ganz von ſelbſt zu jenen „moraliſchen“ Zurechnungen des Produktions- erfolges an das Unternehmerkapital, das Zinskapital, das Renten- kapital e tutti quanti, über die wir ſchon weiter oben berichtet haben. So tritt denn auch auf dieſem Gebiet, wo es ſich um die grundſätzliche Auseinanderſetzung über die anzuwendende philoſophiſch-wiſſenſchaftiche Methode handelt, die bürgerliche Marx-Kritik am Ende mit ſich ſelbſt in einen voll kommen dialektiſchen Widerſpruch: Der Marx-Kritiker, der es im Glanze ſeines „natürlichen Lichts“ beklagte, daß Marx vorgefaßte Begriffe, „Dogmen“, „Spekulationen“, „quaſi-Metaphyſik“ und wer weiß was nicht alles in die ökonomiſche „Wirklichkeit“ „hineinſpiegele“ und ſich hierbei auch noch von gewiſſen moraliſchen „individuellen Werturteilen“ im Hintergrunde ſeiner Seele dirigieren laſſe, entpuppt ſich als ein ganz gewöhnlicher dogmatiſcher Anbeter der „im Werturteil der Menſchen (lies Bürger) anerkannten Begriffe (lies Ideologien)“. Er hat infolgedeſſen zwar gegen die „Grundrente“, gegen das uneingeſchränkte Erbrecht in großc Vermögen, und gegen die gelegentlichen, „beſonders auch durch den Krieg gezeitigten Ungerechtigkeiten“ innerhalb der kapitaliſtiſchen Geſellſchaft von heute aus „Erwägungen ethiſcher, ſozialphilophiſcher und dergleichen (!) Art“ auch ſeinerſeits allerhand einzuwenden. Dagegen mit bezug auf alle ökonomiſchen Fragen, erſcheint ihm die „Wirk- lichkeit“ von vornherein in einem „natürlichen“ Lichte, d. h. alſo ſo, wie ſie ihren Agenten nach der unbewußt und ohne methodiſche Kontrolle von ihnen bereits vollzogenen „Hineinſpiegelung“ ganz beſtimmter geſchichtlicher, heute vorherrſchender und von der Vulgär-ökonomie, der Vulgärjurisprudenz und der Vulgärethik für „natürlich“ gehaltener und durch allerlei abſtrakte Allgemeinerwägungen notdürftig begründeter und gerechtfertigter Begriffe „zunächſt“ vorkommt. Denn, wie wir mit einer leiſen Variation eines bekannten Hegel-Wortes ſagen können: „Wer die Wirklichkeit kapitaliſtiſch anſieht, den ſieht ſie auch kapitaliſtiſch an; beides iſt in Wechſelwirkung.“

  • 1. I copy-pasted this from an OCR'd text, without seeing the original page, so I don't know where the paragraph breaks are located or where words are italicised. The letter "ſ" should be read like "s". http://catalog.hathitrust.org/Record/100832680 (use a proxy if outside the US) – Noa Rodman
  • 2. Da dieſe Herkunft des von ſo vielen „Sozialdemokraten“ noch heute verhätſchelten Begriffs der „Arbeitsgemeinſchaft“ von einem ausgeſprochenen Unternehmerknecht ein aktuelleres Intereſſe hat, zitieren wir hier aus S. 17/18 der im Text erwähnten Ehrenbergſchen Schrift folgende Ausſage des unverdächtigen Zeugen:

    „Als ich vor etwa fünfzehn Jahren die Abſtufungen im induſtriellen Arbeitsverhältnis vergleichend an den Quellen, d. h. in den Betrieben, ſelbſt ſtudierte, da ſuchte ich zunächſt in der Wiſſenſchaft nach Ausdrücken, welche die Bemühungen weitblickender Unternehmer, das Arbeitsverhältnis zu beſſern, unparteiiſch kennzeichneten. – erkannte durch meine Beobachtungen, daß jede Unternehmung als ſolche notwendig eine „Arbeitsgemeinſchaft“ iſt, die zwar geſchwächt, aber nicht vernichtet werden kann, ſolange die Unternehmung ſelbſt beſteht, daß dieſe Arbeitsgemeinſchaft überhaupt der wichtigſte im man ente Beſtandteil des Arbeitsverhältniſſes iſt. So entſtand meine Theorie „Das Arbeitsverhältnis als Arbeitsgemeinſchaft“ (Thünen-Archiv II, 176 ff., 1907), der übrigens ſchon zwei Jahre vorher die gleichgerichtete Theorie „Selbſtintereſſe und Geſchäftsintereſſe“ (I, 279 ff.) vorhergegangen war, und der nach weiteren vier Jahren die Studie „Schwäche und Stärkung neuzeitlicher Arbeitsgemeinſchaften“ folgte (III, 401, ff.). Die Ergebniſſe der Unterſuchung „Das Arbeitsverhältnis als Arbeitsgemeinſchaft“ fanden Beifall nicht nur bei Unternehmern, ſondern auch bei Sozialpolitikern von Schmollers Richtung. Wort und Begriff der „Arbeitsgemeinſchaft“ begannen ſich langſam einzubürgern.“

  • 3. Lukas offenbart durch dieſe, von ihm öfter unterſtrichene und wiederholte Behauptung ſo nebenbei, daß er von dem für den Anfänger noch am leichteſten zugänglichen Kapitel des „Kapital“, dem Kapitel über die „So-genannte urſprüngliche Akkumulation“ rein gar nichts verſtanden hat!
  • 4. Der von Lukas S. 72 ff. verſuchte „rechnungsmäßige“ Nachweis der „Willkürlichkeit" des Marxſchen Ueberganges von den Werten zu den Produktionskoſten iſt weit gründlicher und exakter ſchon vor Jahren von dem bürgerlichen Oekonomen v. Bortkievicz („Archiv für Sozialwiſſenſchaft“, Bd. 23, 25; Jahrbücher für Nationalökonomie und Statiſtik, dritte Folge, Bd. 34) durchzuführen verſucht worden. Gegen ihn, und nicht gegen Lukas, wird ſich alſo in dieſem Punkte die Antikritik richten müſſen. – Das von Lukas wiederholt in ſeinen Darlegungen verwertete Aperçu, daß die Wertverhältniſſe der Güter „an ſich“ ebenſogut (in quaſi phyſiokratiſcher Weiſe) durch das in ihnen verkörperte Rohſtoffquantum, wie durch die in ihnen verkörperte Arbeitsmenge beſtimmt gedacht werden könnten, iſt ſchon von Schumpeter und anderen ausgeſprochen worden. Vgl. darüber Schumpeters „Dogmen- und Methodengeſchichte“ im 1. Bande des „Grundriſſes der Sozialökonomik“. – Lukas zitiert in ſeinem Buch weder v. Bortkiewicz noch Schumpeter.
  • 5. Lukas ſagt ſtatt deſſen „begriffslos“, meint aber mit dieſem Ausdruck irrtümlich dasſelbe, was Hegel „abſtrakt“ nennt. „Begriffslos“ im Hegelſchen Sinne iſt vielmehr die nur vulgärökonomiſch aufgefaßte, noch nicht vermittels des Wertbegriffs begriffene ökonomiſche Tatſächlichkeit. Wäre aber die Wertlehre untauglich, die empiriſch-geſchichtlich gegebene Wirklichkeit in eine begriffene und damit im Sinne der Philoſophie erſt wahrhaft konkrete Wirklichkeit zu verwandeln, ſo wäre ſie im Hegelſchen Sinne des Worts ein nur „abſtrakter“ Gedanke. – Auf dieſem Mißverſtehen deſſen, was Marx im Anſchluß an Hegel als das „Konkrete“ oder „Wirkliche“ im Gegenſatz zum „Unmittelbaren“ (abſtrakt „ſür ſich“ genommen bezeichnet, heruht auch das übliche, von Lukas S. 38 (Fußnote) ausdrückliche auch Ä Mißverſtändnis des einleitenden Abſatzes zum dritten Bande des „Kapital“.
  • 6. Für dieſe letztere „moraliſche Tatſache“ erbringt der „unparteiiſche“ Gelehrte Lukas (S. 97) einen Beweis von ſo köſtlicher Naivität, daß dieſer Abſatz hier ausnahmsweiſe wörtlich zitiert werden ſoll, damit ihm eine möglichſt weite Verbreitung in denjenigen Kreiſen, auf deren Gewinnung s „tendenzloſen“ Forſcher ankommt, ſoviel an uns liegt, geſichert:

    „Der Laie ſtelle ſich nur einmal folgenden Fall vor, der ihm die ethiſche Berechtigung zu Gefühl bringen ſoll, die Renteneinkommen aus Kapitalbeſitz zu mindeſt haben kann. Eine ſtreng ſozialiſtiſch organiſierte Wirtſchaftsgemeinſchaft iſt in der Lage, ihren Arbeitern, beſonders der potenzierten Arbeit, Löhne zu zahlen, die mehr oder minder weit über den unmittelbaren Bedarf an Eriſtenzmitteln hinausgehen. Sobald ſich dieſe Geſellſchaft von den erſten kapitaliſtiſchen Schrecken erholt hat, wird ſie daran gehen – und ſie wäre wahnwitzig, wenn ſie es nicht täte –, ihren Mitgliedern, ſoweit dieſe ſparen, den erſparten Teil ihres Tauſchwert-einkommens gegen eine zin sähnliche Vergütung abzunehmen. Sie fährt dabei gut, weil ſie mit dieſen Tauſchwerten den Produktionserfolg der von ihr angeſetzten Arbeitsmenge über das Maß der zinsähnlichen Verhinaus zu ſteigern vermag, und auch der Arbeiter wird ſich als „ſozialiſtiſcher Kapitaliſt“ ſehr wohl fühlen und unter dieſen Umſtänden lieber und mehr ſparen und arbeiten.“

  • 7. Sollte dieſe negative Erwartung poſitiv enttäuſcht werden, ſo empfehlen wir dem weltbekannten Verlage der Plengeſchen Werke als Titel des zu ſchaffenden Werkes etwa den „Neuen Bacdeker des aufbauen den Sozialismus“.
  • 8. Zum Belege für alles dies braucht der mit der Hegelſchen Philoſophie noch nicht vertraute Leſer nur die erſten Seiten der überaus leicht verſtändlichen Vorleſungen Hegels über die „Philoſophie der Geſchichte“ einzuſehen. Ganz klar aber wird dieſe charakteriſtiſche Eigenſchaft der Hegelſchen Dialektik von Feuerbach in einem Aufſatz, den er noch als Hegelianer geſchrieben hat, und in einigen ſpäteren kritiſchen Aufſätzen herausgearbeitet; vgl. Feuerbachs Werke, Bd. 2, S. 18 ff., 185 ff., 233 ff. (geſchrieben 1835, 1839 und 1841).