Phasen und Zeitschriften des Marxismus - Karl Kautsky

Die Neue Zeit Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik

Kautsky on the phases and journals of Marxism, on occasion of the launch of Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik (1924–33), successor to Die Neue Zeit. The journal was edited by Hilferding and later Albert Salomon. It is online here.

Partial index here.

Mit Freuden vernehme ich die Kunde von der Begründung unserer neuen wissenschaftlichen Zeitschrift, der „Gesellschaft". Wir dürfen erwarten, dafz sie bestimmt ist, das internationale Organ der vierten Phase des Marxismus zu werden.

Von seinen bisherigen drei Phasen verfügten nur zwei über Zeitschriften von internationaler Bedeutung.

Seine erste Phase fällt in die Zeit vor und während der Re­volution von 1848. Es war die Zeit der Selbstbesinnung und Selbstverständigung, der allmählichen Loslösung einerseits von der vormarxistischen Philosophie, von Hegel und Feuerbach, auf der anderen Seite von den vormarxistischen Formen des Sozialismus, von Owen, Fourier, Blanqui, Proudhon, Weitling. Die Zeit der Anfänge der Arbeiterbewegung, die auf dem Kon­tinent nur in Form von Geheimbünden vor sich gehen konnte, von denen einer zum marxistisch gerichteten Bund der Kom­munisten wurde.

In diese Zeit fallen die „Deutsch-Französischen Jahrbücher", die im Pariser Exil vor der Revolution, und dann die „Revue der Neuen Rheinischen Zeitung", die im Londoner Exil nach der Revolution von Marx herausgegeben wurden. Die erstere noch im Verein mit Ruge, letztere, schon rein marxistisch, im Verein mit Engeis.

Seine zweite Phase beginnt der Marxismus mit den Marxsehen Studien über das „Kapital". Sie findet ihren Höhepunkt in der Internationale, die 1864 begründet wird, und im „Kapital", dessen erster Band 1867 erscheint. Die marxistische Methode ist in dieser Epoche bereits voll­kommen geklärt und hochentwickelt. Und die Anwendung der Methode im proletarischen Klassenkampf stützt sich bereits neben dem Material, das ihr schon vor 1848 zur Verfügung stand, auf die kritisch verarbeiteten Erfahrungen der Revolu­tionen von 1848 in Deutschland und Prankreich, sowie auf eine reiche Praxis von Klassenkämpfen in England. Das Proletariat selbst und die Grundlagen seines Kampfes wachsen nach 1848, trotz der Niederlage der Revolution. In den sechziger Jahren ist bereits die Möglichkeit von Massenorganisationen und der Drang nach solchen weitverbreitet. Diese Situation auszunutzen für die Organisation des Proletariats als politisch selbständige Klasse, ist die praktische Aufgabe, die nun Marx der „Inter­nationale" stellt, wobei er gleichzeitig die heute noch und heute mehr denn je für diese Organisation geltende theoretische Grundlage schafft, in seinem „Kapital".

Schon in seiner ersten Phase war der Marxismus international gewesen. Er war es theoretisch von vornherein, da er von der Ueberzeugung ausging, der Sozialismus stelle die Konsequenz des industriellen Kapitalismus dar, der das industrielle Proletariat und damit seinen eigenen Totengräber schaffe. Da dieser Kapi­talismus alle vorgeschrittenen Länder erfafzt, mufz auch der proletarische Klassenkampf und sein sozialistisches Ziel inter­national sein. Er kann es um so eher sein, als zwischen den Ausgebeuteten der verschiedenen Länder nicht die Interessen­ gegensätze bestehen, die die Ausbeuter eines jeden Landes in Gegensatz zu den Ausbeutern anderer Länder bringen. Mit der Idee eines national eigenartigen Sozialismus, wie ihn seit Herzen und Bakunin eine' Reihe russischer Sozialisten verfochten, war der Marxismus von vornherein unvereinbar.

Praktisch wurde diese internationalistische Auffassung des. Marxismus in seiner ersten Phase noch begünstigt dadurch, dafz er damals zum grofzen Teil eine Auffassung deutscher Emigran­ ten in Paris, Brüssel, London war, die stets in engstem persönlichen Kontakt mit Emigranten aus anderen Ländern, Polen, 18 Russen, Italienern, Ungarn, und mit Sozialisten der Gebiete standen, die ihnen eine Zufluchtsstätte boten.

In der zweiten Phase wurde die Emigration für den Marxismus nur noch wichtig im Generalrat der „Internationale", der in London safz.

Die grofze historische Aufgabe, die der „Internationale" ge­stellt war, wurde von ihr gelöst. Es gelang ihr, in fast allen kapitalistischen Ländern den Anstolz zur Begründung proletari­ scher Kampforganisationen auf legaler Basis zu geben, auf der diese Organisationen nicht wie die Geheimbünde, auf kleine Kreise notwendigerweise beschränkt bleiben muteten, sondern sich zu wahrhaften Massenorganisationen zu entfalten vermoch­ ten, womit sie dem Marxschen Ideal der Organisation des Pro­letariats als Klasse zum Klassenkampf nahekamen.

Diese wichtige Phase des Marxismus hätte dringend eines eigenen Organs bedurft. Einer Zeitschrift, die den Massen die ungeheure Schatzkammer sozialen Wissens erschlolz, die das „Kapital" darstellte, das ihnen als Buch unverständlich blieb. Einer Zeitschrift, die den so verschiedenartigen und vielfach so konfusen Richtungen, die sich in der „Internationale" zusammen­fanden, Klarheit und Einheitlichkeit im Denken brachte.

Zu einer solchen Zeitschrift kam es nicht. Der „Vorbote", den Jean Philipp Becker in Genf monatlich herausgab, war ein blofzes Mitteilungsblatt, das von den nichtdeutschen Mitgliedern der „Internationale" gar nicht beachtet wurde. Der Londoner Generalrat war zu arm, eine eigene Zeitschrift herauszugeben. Ihm fehlten mitunter sogar die Mittel, die sehr dünnen Proto­kolle der jährlichen Kongresse der Gesamtorganisation in Druck zu geben. Und Marx stand damals allein in London, ohne Engels' Hilfe, der in Manchester für beide Geld verdienen mutzte. Marx wurde förmlich erdrückt von der Riesenarbeit am ,,Kapital" sowie von der Mühe, die Internationale zu leiten und zu­sammenzuhalten, wozu sich noch Erwerbsarbeit gesellte, da die Engelssche Unterstützung doch nicht ausreichte.

Diese stete Ueberarbeit zur Zeit der „Internationale" legte den Keim zu dem Leiden, das später Marx' Arbeitsfähigkeit in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens so sehr lähmte und seinem Dasein zwölf Jahre vor dem Hinscheiden seines fast gleich­ altrigen Freundes Engels ein Ende machte.

Wie wäre es da möglich gewesen, dafz Marx noch eine Zeit­ schrift herausgab? Und noch bestand keine marxistische Schule, der er diese Aufgabe hätte anvertrauen können.

Wären die Bedingungen für eine konsequente und sach­kundige marxistische Zeitschrift gegeben gewesen, dann hätte sich die Geschichte der „Internationale" vielleicht anders ge­ staltet.

So wurden ihr ihre eigenen Erfolge zum Unheil. Je mehr in den einzelnen Staaten die dort befindlichen Arbeiterbewegungen unter dem Einflufz der „Internationale" erstarkten, desto mehr unterlagen sie in jedem einzelnen seinen besonderen sozialen und politischen Bedingungen, und um so mehr suchten sie ihnen Rechnung zu tragen. Marx hatte versucht, die verschiedensten Richtungen der proletarischen Bewegung unter der Losung des Klassenkampfes zur Befreiung des Proletariats zusammenzu­ fassen. Aber je mehr die proletarischen Bewegungen der ein­ zelnen Staaten erstarkten, desto mehr erstarkte auch ihre Eigenart. Es wuchsen die Gegensätze zwischen ihnen, aber auch solche Mifzverständnisse, die nicht auf sachlichen Differenzen, sondern auf den verschiedenen Arten, die Dinge zu sehen und zu be­zeichnen, beruhten.

Eine gemeinsame ständige Zeitschrift hätte manche Gegen­ sätze überbrücken, die meisten Mifzverständnisse aufklären können. Ob es ihr gelungen wäre, die „Internationale" zusammenzuhalten, kann natürlich nicht festgestellt werden.

Aber sie hätte auch im schlimmsten Falle bewirken können, dafz ein internationaler Kern erhalten blieb, um den sich später leichter eine neue Internationale bilden konnte.

In Wirklichkeit wurde die „Internationale" völlig zersprengt, dank dem Sprengpulver, das der nationalrussische Sozialismus Bakunins lieferte, dessen neueste Auflage im Bolschewismus sich der Welt heute als der einzig wahre Marxismus anpreist.

Siebzehn Jahre dauerte es, bis wieder eine Internationale möglich wurde, 1889. Man könnte bei der ersten Ueberlegung meinen, sie müfzte noch unmöglicher geworden sein als 1872. Denn inzwischen hatte für fast alle europäischen Staaten, aufzer Rufzland, die Emigration aufgehört, eine politische Macht zu bilden. Ein aus hervorragenden Mitgliedern der sozialistischen Parteien aller Wichtigen Länder bestehender Generalrat war nicht mehr möglich. Die zentrale Körperschaft mufzte aus den Angehörigen eines einzigen Landes gebildet werden. Und die proletarischen Massenorganisationen waren inzwischen in den kapitalistischen Ländern so erstarkt, dafz sie bereits über die Auf­gaben der Propaganda und der Ausdehnung der Organisation hinaus auch schon dazu übergehen konnten, die Landespolitik im Interesse des Proletariats sehr energisch, und zeitweise und stellenweise sehr erfolgreich zu beeinflussen.

Das bewirkte erst recht, dafz die Bewegung eines jeden Landes sich seiner besonderen Eigenart anpafzte und in diesem Sinne einen nationalen Charakter annahm. Diese Rationale Ge­staltung der Taktik ist überall unvermeidlich und nicht zu verwechseln mit der nationalrussischen Gestaltung nicht blofz der Taktik, sondern auch der Theorie und der Grund­sätze, die Bakunin lehrte. Wie sollte da eine „Internationale" wieder möglich werden, die 1872 an dieser Klippe gescheitert war?

Sie wurde möglich durch die ökonomische Entwicklung, die trotz der Eigenart jedes Landes überall dem gleichen Kapitalis­mus zum Durchbruch verhalf und überall die gleichen Probleme und die gleichen Mittel ihrer Lösung schuf. Zugleich hatten sich alle die vormarxistischen sozialistischen Anschauungen ebenso abgenützt, wie der neuere Bakunismus in Rufzland und den romanischen Ländern. Nicht immer bewufzt, stets aber praktisch stellten sich die proletarischen Massenbewegungen überall immer mehr auf den marxistischen Boden des Klassenkampfes und der Klassenorganisation mit dem Ziele der Eroberung der politischen Macht als Mittel zu dem Zweck, die kapitalistische Produktions­ weise in eine den Interessen des Proletariats angepafzte zu ver­ wandeln.

Damit gewann die neue Internationale trotz der schwächeren organisatorischen Zusammenfassung einen weit stärkeren inne­ren Zusammenhalt als die erste.

Marx erlebte diesen neuen Aufschwung nicht mehr. Er konnte auch nur die ersten Keime einer bedeutsamen Neuerscheinung sehen, die mit dem Erstarken der sozialistischen, praktisch marxistischen Parteien und der daraus folgenden Wiederaufrich­tung der Internationale Hand in Hand ging: das Aufkeimen einer marxistischen Schule, die sich anschickte, das Werk der Meister fortzusetzen, zunächst, bis 1895, unter steter Be­ratung und Unterstützung durch Friedrich Engels.

Sie erstand zunächst in Deutschland. Aber bis zum Sozia­listengesetz merkte man auch dort nicht viel von ihr. Die beiden sozialistischen Monatsschriften, die im Jahr vor dem Sozialisten­gesetz in deutscher Sprache erschienen, zeigten sich gänzlich' frei von Marxismus: sowohl Wiedes „Neue Gesellschaft" wie die Höchbergsche „Zukunft". Es war die Zeit, in der bei uns die Ideen eines Dühring, Rodbertus, Friedrich Albert Lange, Schäffle dominierten.

Erst während des Sozialistengesetzes gelangte die dritte Phase des Marxismus zu ihrem eigenen Organ. Als Bernstein im Winter 1880/81 die Redaktion des Zürcher „Sozialdemokrat" übernahm, gab er dieser politischen Wochenschrift ausge­ sprochen marxistischen Charakter. In Deutschland begründete ich 1883 die ,,Neue Zeit" als wissenschaftliche Monatsschrift der damals noch recht schwachen marxistischen Schule und da­ mit auch als internationales Organ. Sie suchte ihre Leser überall, wo es deutschsprechende Sozialisten gab, fand ihre Mitarbeiterschaft unter den marxistisch orientierten Sozialisten aller Länder und wendete ihre Aufmerksamkeit mit Vorliebe jenen Problemen zu, die von internationaler Bedeutung waren.

Die dritte Phase des Marxismus fand ihr Ende im Weltkrieg, der die Internationale zerrifz, die deutsche Sozialdemokratie, bis dahin die vornehmste Trägerin des Marxismus, spaltete. Er be­ wirkte vielfach, dafz die Sozialisten sich hinter ihre Regierungen stellten. Das gegenseitige Abschlachten der Nationen ging förm­ lich Hand in Hand mit einer Versöhnung der Klassen. Das Ende des marxistischen, auf dem internationalen Klassenkampf der Proletarier beruhenden Sozialismus schien gekommen.

Trotzdem bildete der Weltkrieg nur die Einleitung zu einer neuen, höheren Phase des Marxismus. Der Krieg endete mit einer Verschärfung der Klassengegensätze und mit vermehrter Kraft der Arbeiterklasse, die des internationalen Zusammenhalts mehr als je bedurfte, ihn mehr als je suchte. Er führte vielfach das Proletariat an die Schwelle der Staatsmacht, gestattete ihm stellenweise, diese Schwelle zu überschreiten.

Zuerst in den drei Kaiserreichen des Ostens, deren Staats­ gewalt ihre Stütze fast ganz in der Armee gefunden hatte. Mit deren militärischer Niederlage brach auch der politische Bau zusammen, und die Staatsmacht fiel jenem Element zu, das nächst dem Kaisertum über die stärkste Organisation im Staate verfügte: das war selbst im ökonomisch rückständigen Rufzland das industrielle Proletariat. Es vermochte seine Macht nirgends uneingeschränkt zu behaupten, am wenigsten in Rufzland, wo es nach einer kurzen Epoche anarchischer Freiheit wieder unter das eherne Joch einer rücksichtslosen Bureaukratie gezwungen wurde, das dadurch nicht erleichtert wird, dafz ein grofzer Teil dieser neuen Bureaukratie aus dem Proletariat selbst stammt. Es ist eine dünne Schicht stramm disziplinierter und zentralistisch organisierter Proletarier und Intellektueller, die dort die unge­heure unorganiserte arbeitende Masse knechtet, ausbeutet und an jeglicher freier Organisation und geistiger Selbständigkeit verhindert.

Ganz anders erging es dem Proletariat in Deutschland, Oester­reich eingeschlossen, wo es zeitweise nach der Revolution von der Staatsmacht entfernt wurde, auch stellenweise an Stofzkraft verlor, wo es sich aber doch rüstet, die Staatsmacht wieder zu ergreifen und wo seine Gewinnung der ganzen, durch keinerlei Koalition beschränkten Staatsmacht nur noch eine Frage der Zeit, und zwar naher Zeit ist.

Indes hat das Proletariat nicht blofz durch die militärische Niederlage an politischer Kraft gewonnen. Das bezeugt uns der triumphierende Aufstieg der Arbeiterpartei im Sieger­ staat England. Wohl ist auch für sie die Eroberung der unbe­ schränkten Staatsmacht noch nicht möglich gewesen. Ihre Re­ gierung ist ohne förmliche Koalition noch in die Grenzen ge­ bannt, die die Liberalen ihr ziehen.

Sie wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn es richtig wäre, was der auswärtige Redakteur des einzigen täg­lichen Parteiorgans in England, des „Daily Herald", in einem Nachruf über Lenin im Februarheft des „Labour Magazine" schreibt: Lenin sei fast der einzige Sozialist in der Welt gewesen, der gewürzt habe, „dafz die Aufgabe eines Sozialisten darin besteht, den Sozialismus herzustellen". Die anderen Sozialisten hätten über den Sozialismus nur spintisiert oder ihre praktische Aufgabe blofz darin gesehen, „den Kapitalismus ein bifzchen weniger unangenehm zu machen".

In Wirklichkeit war Lenin nicht der einzige Sozialist, der meinte, die Aufgabe der Sozialisten bestehe darin, den Sozialis­mus herzustellen. Diese Auffassung war vielmehr die allgemeine aller Sozialisten vor Marx.

Sie stellt uns vor folgende Alternative: Entweder ist der Sozialismus überall sofort möglich, und es hängt nur von un­ serem Belieben, unserem festen Wollen oder unserer Schlauheit ab, ob wir ihn herbeiführen oder nicht. Oder aber, da kaum ein Mensch mit gesunden Sinnen derartiges behaupten wird: Wo der Sozialismus nicht sofort möglich ist, haben die Sozialisten nichts zu tun, können sie sich schlafen legen.

Es sind drei Viertel eines Jahrhunderts her, dafz Marx sich gezwungen sah, gegen diese Art „revolutionären" Denkens auf­ zutreten. Er definierte die Aufgabe des Sozialisten anders. Der Sozialismus ist ihm das Ergebnis des proletarischen Klassen­ kampfes. Die Aufgabe des Sozialisten besteht darin, das Proletariat in diesem Klassenkampf zu unterstützen, an seiner Kräfti­ gung nach allen Seiten hin zu arbeiten, ihm Macht zu verleihen, und es fähig zu machen, diese Macht zweckmäfzig anzuwenden. Das gibt für den Sozialisten ein ungeheures und ungemein frachtbares Arbeitsfeld überall, wo auch nur Anfänge eines Pro­letariats vorhanden sind und die Einführung sozialistischer Produktion noch völlig ausgeschlossen ist. Die Durchführung solcher Produktion bildet den AbschIufz , keineswegs aber den Gesamtinhalt der Tätigkeit des Sozialisten.

Dafz die englische Arbeiterregierung den Sozialismus jetzt schon einführen wird, ist bei den augenblicklichen Machtver­hältnissen ausgeschlossen. Sie wird bereits grofzes leisten, wenn ihr das gelingt, wovon der Redakteur unseres englischen Parteiorgans so wegwerfend spricht: den Kapitalismus ein bifzchen weniger unangenehm zu machen. Eine starke Verringerung der Arbeitslosigkeit, ausgiebiger Wohnungsbau, die Herstellung wahrhaften Friedens in Europa und weitgehende Abrüstung der Militärmächte — das alles bedeutet noch lange nicht Aufhebung des Kapitalismus, und doch wird es eine kolossale Leistung der Arbeiterregierung bedeuten, wenn es gelingt. Es wird allerdings den Kapitalismus „weniger unangenehm" machen, dabei aber auch das Kommen des Sozialismus fördern. Denn die Arbeiter­regierung wird dadurch das Vertrauen der breitesten Massen des Volkes gewinnen, so dafz die Arbeiterpartei erwarten darf, bei Neuwahlen die absolute Mehrheit und damit die Macht zu ge­winnen, dem Kapitalismus nicht nur ein Weniges von seinen un­angenehmen Seiten zu nehmen, sondern ihm gründlich zu Leibe zu rücken.

Wir dürfen von der englischen Arbeiterregierung Gutes er­warten. Sie zählt zahlreiche Mitglieder in ihren Reihen, die mit ehrlichem sozialistischem Eifer, grofzer Intelligenz und gründ­lichem Wissen die praktische Kenntnis der Staatsgeschäfte ver­einigen.

Und die englische Arbeiterregierung kommt unter weit gün­stigeren Bedingungen ans Ruder als ihre Vorgänger in den be­siegten Staaten. Man hat es mir seinerseit von „radikaler" Seite sehr verübelt, dafz ich schon in den Anfängen der Revolution als die nächste wichtige ökonomische Aufgabe die schleunigste Wiederherstellung der Produktion bezeichnete. Man meinte, das hiefze den Kapitalismus wiederherstellen. Der Aufbau des So­zialismus setze völlige Verwirrung des Produktionsapparats vor­ aus. Nach diesem famosen Rezept verfahren heute noch die Kommunisten überall, aufzer in Rufzland, wo die Bolschewiks schon nach einem Jahre merkten, dafz die Verwirrung der Pro­duktion zum Untergang und nicht zum Sozialismus führe.

Die revolutionären Regierungen nach dem Zusammenbruch hatten alle Hände voll damit zu tun, der ärgsten Not zu steuern: waren doch durch den wahnsinnigen Erschöpfungskrieg alle Vorräte verzehrt, der ganze Verkehr lahmgelegt, die Produktion in völlige Unordnung gebracht. Man lebte von der Hand in deri Mund. In dieser Situation grundlegend Neues zu schaffen, wäre auch einer völlig einheitlichen und kraftvollen Regierung von lauter Genies kaum möglich gewesen.

In allgemeiner Stillegung der Produktion die Vorbereitung zum Sozialismus sehen, gleicht der Weisheit jener, die meinen, Wehn ein Haus brenne, sei der richtige Moment gegeben, es wohnlich zu gestalten. Wohl mulz der Bankerott des Kapitalis­ mus dem Sozialismus vorhergehen, aber sein moralischer Bankerott bei den Massen, nicht sein ökonomischer Bankerott durch Versagen der Produktion. Durch seine Ueberproduktion oder doch durch die technische Möglichkeit der Ueberproduktion führt der Kapitalismus zum Sozialismus, wäh­rend der Feudalismus durch wachsende Unterproduktion den industriellen Kapitalismus als ökonomischen Retter der Gesell­schaft erscheinen liefz.

Die englische Arbeiterpartei kommt zur Regierung im reich­sten Lande der Welt, in einem Zeitpunkt, in dem bereits die verheerenden Wirkungen des Krieges für die Produktionstechnik überwunden sind. Sie findet schwere ökonomische Schäden vor, namentlich eine ungeheure Arbeitslosigkeit, grolzes Wohnungs­elend und Hemmungen des internationalen Verkehrs. Aber diese Schäden entstammen nicht, wie der gröfzte Teil des Elends nach dem Kriege in den besiegten Staaten, stofflichem Mangel. Eng­land besitzt in Ueberflufz alles, was es braucht. Nicht mehr in einem Mangel an Lebensmitteln und Rohstoffen, an Lokomotiven und Waggons usw., wie in Deutschland kurz nach dem Kriege, sondern nur in dem bisherigen Mangel an sozialer und politi­scher Macht der Arbeiter liegen die dringendsten Notstände begründet, die die Arbeiterregierung Englands vorfindet.

So schwer und grofz auch die Probleme sind, die sie zu lösen hat, sie liegen doch relativ einfacher, als die Probleme in Deutschland, es stehen ihr reichere Mittel zu Gebote und — last but not least —- das Proletariat in England steht viel geschlossener hinter ihr, als es je hinter einer Arbeiterregierung in Deutschland stand.

So begrenzt auch in England heute noch die Macht der Arbeiterregierung ist, wir dürfen Bedeutendes von ihr erwarten. Und jeder ihrer Erfolge wird zurückwirken auf das Proletariat der Welt. So bitter auch der augenblickliche Ansturm der Gegenrevolution bei uns empfunden wird, wir dürfen erwarten, dafz es uns bald gelingt, sie zu überwinden und im Verein mit dem Proletariat der Welt der englischen Arbeiterregierung nach­ zueifern. Unser Vormarsch wird allenthalben im Zeichen des Marxismus stehen, als die praktische, wenn auch, namentlich in England, oft recht unbewufzte Anwendung seiner Auffassung des Klassenkampfes. So grofe noch in englischen Sozialisten­ kreisen der Gegensatz zum theoretischen Marxismus ist, wir brauchen nicht zu fürchten, trotz des auswärtigen Redakteurs des „Daily Herald", dafz die englische Arbeiterpartei zum Bol­schewismus übergeht. Aber auch die näherliegende Befürch­ tung, dafe sie sich aus staatsmännischen Rücksichten zu einer Art radikalen Liberalismus zurückentwickelt, ist nicht begründet. Die schwerste Arbeit, die für den Sozialismus in England zu tun war, ist getan: die Loslösung der Arbeitermassen vom Libe­ralismus durch Begründung einer selbständigen Arbeiterpartei. Auch der zweite schwere Schritt ist getan: Seit langem schon ist sozialistisches Denken unter den englischen Arbeitern sehr verbreitet. Aber angesichts des eigenartigen Wahlrechts stimm­ ten sie doch immer wieder für die Liberalen, weil sie sagten: der Sozialist wird doch nicht gewählt. Wenn wir nicht für den Liberalen stimmen, bringen wir die Konservativen ans Ruder. Auch diese Erwägung ist endgültig überwunden.

Und,die Logik der Tatsachen wird dafür sorgen, dafz die Arbeiterpartei auch weiterhin in dem Geleise bleibt, das sie be­treten hat, mag sie auch marxistische Logik ihrem Denken nicht zugrunde legen. Die eingetretene Verschärfung der Klassen­gegensätze wird schon das nötige besorgen.

So dürfen wir doch, trotz schwerer Enttäuschungen und grofzer Niederlagen, die neue Aera, die seit den Revolutionen von 1917 und 1918 für das internationale Proletariat angebrochen ist, mit grofzen Erwartungen begrüfzen, wenn wir annehmen, sie sei keineswegs an ihrem Ende, sondern stehe an ihrem An­fange.

Diese vierte Phase des Marxismus hat bereits mit so vielen neuen und tiefgehenden Erfahrungen zu rechnen, sie steht noch vor so ungeheuren Problemen, dafz sie dringend eines Organs bedarf, in dem die besten Köpfe sich finden, um ihre Einsichten und Anschauungen auszutauschen, zu vergleichen und zu diskutieren. So rasch wechseln dabei die Situationen, so überraschend tauchen neue Aufgaben auf, dafz die Buchliteratur weniger als je zur nötigen Klärung der Anschauungen ausreicht. Nur eine regelmäfzig erscheinende Zeitschrift, sachkundig redi­giert und über Raum für gröfzere Abhandlungen verfügend, kann dieser Aufgabe gerecht werden.

Es war der „Neuen Zeit" nicht vergönnt, das Organ der vierten Phase des Marxismus zu werden. Die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie während des Krieges traf sie ins Herz. Weder die Revolution noch die Einigung vermochten ihr neue Kraft und neues Leben einzuflöfzen. Das Flämmchen verlosch vollends, als der Mifzerfolg der Ruhrkampagne zu einem all­gemeinen ökonomischen Zusammenbruch und damit zu weit­ gehender Einschränkung der Parteipresse führte.

Die neue Phase des Marxisrnus nüt ihren neuen Aufgaben erheischt ein neues Organ. Wir dürfen erwarten, dafz es der „Gesellschaft" beschieden ist, dieses Organ zu werden und als solches nicht nur lokale oder nationale, sondern inter­nationale Geltung zu erlangen.

Mehr als je brauchen wir ein geistiges Band der „Internationale". Sie ist nicht mehr eine blofze Demonstration inter­nationaler Solidarität, sondern eine praktische Notwendigkeit. Der internationale Kapitalismus hat eine solche Ausdehnung erreicht, dafz alle von ihm beherrschten Länder in engster ökonomischer Abhängigkeit voneinander stehen. Europa hat nur noch die Wahl, sich in ewigen Reibereien und Eifersüchte­leien, Kriegsvorbereitungen und schliefzlichen Kriegen zwischen seinen Nationen zu erschöpfen und zu verkommen, oder eine Politik internationaler Verständigung zu betreiben, die den Völkerbund zu ihrem Organ zu gestalten hätte.

Aber ebensowenig wie die Durchführung des Sozialismus hängt das wirksame Funktionieren eines Völkerbundes von unserem Belieben ab, sondern ist an bestimmte Bedingungen gebunden. Der Völkerbund ist nichts ohne eine Macht, die hinter ihm steht. Diese kann aber nicht von einem einzelnen Volk geliefert werden — das wäre der Tod des Völkerbundes —, noch wird sie aus den nationalen Parteien der Staaten entspringen. Es gibt nur eine Macht, die ihrem Wesen nach verpflichtet ist, eine Politik internationaler Solidarität zu treiben, das ist das sozialistisch denkende Proletariat.

Ob der Völkerbund stark genug wird, Kriege zu hindern und die Gegensätze der Völker zu überwinden, hängt ab von der Kraft der sozialistischen Parteien, hängt vor allem davon ab, ob in den entscheidenden Grofzstaaten die sozialistischen Par­teien stark genug werden, jede Politik unmöglich zu machen, die zum Kriege führt.

Seit dem Kriege haben die Massen aller Länder begriffen, dafz die auswärtige Politik für ihr Gedeihen ebenso wichtig ist wie die innere, dafz das Schicksal der Arbeiter eines jeden Staates nicht blofz durch seine Staatsgewalt, sondern auch durch fremde Gewalten entschieden wird.

Am deutlichsten tritt die Tatsache des unendlich vermehrten Interesses der Massen für internationale Politik in England zu­ tage. Schon durch seine insulare Lage vom übrigen Europa abgesondert, durch eine ganz eigenartige Entwicklung, mit seinen Kolonien und den Vereinigten Staaten zu einer beson­deren angelsächsischen Welt sprachlich und geistig verbunden, kümmerte sich das englische Volk in seiner Masse wenig um die aufzerenglische Politik, so weit sie nicht das „Empire", das Reich, direkt bedrohte. Auch die englischen Arbeiter zeigten für die zweite Internationale nur geringes Interesse. Das hat sich seit dem Kriege gewaltig geändert, die Engländer sind in der erneuerten Internationale eine energische Triebkraft ge­worden.

Am meisten ist aber heute Deutschland von der internatio­ nalen Politik abhängig, das durch die Niederlage militärisch auf den Stand eines Kleinstaates herabgedrückt wurde, dabei aber ökonomisch eine Grofzmacht blieb, deren blofzes Bestehen schon manchem der Sieger Angst einflöfzte. Weit mehr, als die anderen Besiegten hängt daher Deutschland von dem Be lieben der Sieger ab, bedarf es starker, international wirkender Faktoren zu seinem Schutze.

So ist auch unsere neue wissenschaftliche Zeitschrift, die „Gesellschaft", mehr als die sozialistischen Revuen der anderen Länder berufen, von vornherein internationalen Charakter zu bekommen, das Ausland über die Sozialdemokratie Deutschlands und diese über die sozialistischen Bewegungen des Auslandes zu informieren, che ihnen allen gemeinsamen Probleme zu unter­suchen, ein starkes geistiges Band internationalen Verständnisses und internationaler Verständigung zu werden.

Wir alle müssen wünschen, dafz ihr diese grolze Aufgabe restlos gelingen möge.

Aber bei dieser einen Zeitschrift werden wir nicht bleiben dürfen. In der dritten Phase des Marxismus war die deutsche Sozialdemokratie durch ihre Organisation, ihre Taktik, ihre Theorie zum Vorbild für die anderen sozialistischen Parteien geworden.

Heute, in der Zeit der beginnenden sozialistischen Macht­ ergreifung und des sozialistischen Aufbaues, liegen die Verhält­nisse nicht so günstig für die deutsche Sozialdemokratie, dafz sie erwarten kann, bei diesen Funktionen wieder den anderen Nationen führend vorangehen zu können. Vielleicht ist es den Engländern eher beschieden, vorbildlich zu wirken, vielleicht wird keiner Nation mehr die Führung zufallen, werden sie nur in engster Wechselwirkung gemeinsam vorankommen.

Auf keinen Fall wird bei der Fülle der internationalen Auf­gaben für den Sozialismus unserer Zeit und der grofzen Anzahl von Staaten, die an ihrer Lösung mitzuwirken haben, ein deut­sches Organ allein genügen, das erforderliche gemeinsame geistige Band für die Proletarier aller Länder zu bilden. Wir hoffen und wünschen das Gedeihen und die kraftvolle Ent­faltung der „Gesellschaft" nicht zum mindesten deshalb, weil wir erwarten, dafz dadurch der Anstofz zu ebenbürtigen Schwester­ publikationen sozialistischer Parteien englischer und französi­scher Zunge erteilt wird, und dafz es diesen drei Publikationen in engster Zusammenarbeit und wechselseitigem Gedanken­austausch gelingen wird, eine machtvolle Waffe der erneuerten Internationale zu werden, die nur Grofzes wirken kann bei weit­gehender geistiger Einheitlichkeit und Uebereinstimmung ihrer Teile.

Der Marxismus in seiner vierten Phase hat so Ungeheures zu schaffen durch das gemeinsame planvolle Wirken so un­geheurer Massen, dafz jene publizistischen Mittel, die ihm in seinen früheren Phasen zur Verfügung standen, heute nicht mehr ausreichen würden.

Ich wünsche, der „Gesellschaft" besten Erfolg nicht blofz in Deutschland, sondern im gesamten internationalen Pro­letariat, damit sie nicht lange allein bleibe, sondern den Aus­gangspunkt bilde zu einer neuen internationalen periodischen Literatur des Marxismus.

Und darum nicht blofz: Vivat die „Gesellschaft"! sondern auch: Vivant sequentes!

Source: Die Gesellschaft 1 (1924), Bd. 1: 17-29.

AttachmentSize
Phasen und Zeitschriften des Marxismus - Karl Kautsky.pdf208.95 KB